Wo sind die grünen Vorgärten?

Blühende Vorgärten zu jeder Jahreszeit - ganz einfach!

Achtung, jetzt wird es mal ein bisschen politisch, weil mir gerade der Hals auf Kopfdicke anschwillt. Ich wohne mit meiner Familie in Mainz, einer an sich recht grünen Stadt. Leider gibt es hier aber in den letzten Jahren eine Entwicklung, die mir so überhaupt nicht gefällt: Die Zupflasterung der Vorgärten und die mittlerweile zu schauriger Berühmtheit gelangten Steingärten – und wir reden hier nicht von Präriegärten mit trockenheitsresistenten Stauden sondern von Steinwüsten!

Verändertes Straßenbild

Mir ist das vor kurzem ganz massiv in einem Mainzer Stadtteil aufgefallen, wo im Ortskern alte Häuser saniert wurden und im Zuge dessen der Vorgarten gerodet und zugepflastert wurde. Die 2 fetten PS-Schleudern stellt man anscheinend lieber mangels Garage oder Carport aufs Pflaster vors Haus als an den Straßenrand.

Aber nicht nur in Mainz nimmt der Trend zum gepflasterten oder steingefüllten „Vorgarten“ zu. Das ist leider ein sehr weit verbreitetes Phänomen auf das nicht zuletzt die mittlerweile sehr bekannte Seite “Gärten des Grauens” auf Instagram und facebook aufmerksam macht. Erst belächelt und jetzt erschreckende Wahrheit, wenn man sieht welche Masse an unfassbar hässlichen Stein- und Pflasterwüsten hier gespickt mit feinem Sarkasmus gepostet wird. Danke, dass ihr der Welt den Spiegel vorhaltet!

Folgen der schwindenden Vorgärten

Was durch das Schwinden von Grün passiert, ist den Pflastermeistern anscheinend völlig egal. Man sieht es nicht, oder will es nicht sehen… Aber fangen wir mal mit dem ganz offensichtlichen an: Das komplette Straßenbild wird verändert! Wo Jahrzehnte alte Koniferen und Sträucher standen, die im besten Fall im Frühjahr noch blühten, ist jetzt eine graue komplett versiegelte Fläche! Regenwasser kann nicht mehr sickern sondern wird direkt in die Kanalisation geleitet. Tierleben findet hier nicht statt. Hier wird aktiv der Lebensraum von vielen Insektenarten zerstört. Was keiner kapiert ist, dass die kleinen Tierchen am längeren Hebel sitzen. Ohne die geht hier nämlich nichts mehr…

Wo vorher liebevolle Vorgärten angelegt und gepflegt wurden mit kleiner Rasenfläche oder weise gewählten Stauden umrandet von Hecken und Sträuchern, gibt es jetzt nur noch Pflastersteine oder Schotter. In Zeiten des Bienensterbens und sinkendem Grundwasserspiegel meiner Meinung nach ein Unding!

Warum wird nur noch so wenig gepflanzt?

Wenn man sich auf Spurensuche begibt und das WARUM einmal hinterfragt, kommt eigentlich fast immer das eine KO-Argument: Zeitmangel! “Es ist zu zeitaufwendig und arbeitsintensiv, einen Garten zu pflegen.” Da denke ich mir dann echt oft: Dann zieh in ne Wohnung ohne Garten am besten mit Tiefgarage! Aber das Problem ist in Wirklichkeit gar nicht der Zeitmangel, vielmehr ist es der Mangel an Wissen. Eine gut bepflanzte Fläche ist überhaupt nicht arbeitsintensiv. Es gibt genügend Möglichkeiten, Beete so anzulegen, dass sie komplett zuwachsen, somit Unkräutern keine Chance bieten und gleichzeitig je nach Bepflanzung auch wenig Wasser benötigen.


Hier ist aber meiner Meinung auch die Politik gefragt! Ich bin ja eigentlich gegen Zwänge, aber in Deutschland wird jeder Mist verboten, warum nicht auch das Zupflastern von Vorgärten? Bzw. gibt es nicht einen Bebauungs- und Bepflanzungsplan für einzelne Straßenzüge und es kontrolliert nur einfach keiner? Bei der Grundsteuer wird ruck zuck die Hand aufgehalten – die vergisst keiner. Aber warum gibt man nicht eine Broschüre zum Bepflanzen von Vorgärten beim Hauskauf mit? Nur mal so ne Anregung…

Ich darf mit meinem alten Diesel nicht mehr in die Innenstadt fahren, aber meine 20-30 Quadratmeter Vorgarten (wenn es dabei bleibt!), die darf ich komplett zupflastern und es kräht kein Hahn danach? Bisschen absurd, oder? Man mag jetzt denken: Was macht das denn für einen Unterschied, wenn ich meinen Vorgarten zupflastere… Auf einen mehr oder weniger kommt es ja nicht an. Doch, kommt es. Denn wenn von 500 Hausbewohnern mit Vorgarten 100 so denken, dann sind 100 Vorgärten zugepflastert. Tja, und jetzt könnt ihr das ja mal auf Deutschland hochrechnen.

In Holland wurde das Problem erkannt

In Holland gibt es eine Initiative von Gärtnern, die sich zusammen getan hat und Vorgärten bepflanzt. Sie knöpfen sich ganz Straßen vor und bepflanzen standortgerecht – medienwirksam. Die Besitzer werden kurz eingeführt und ihnen wird gezeigt, wie sie ihren angelegten Vorgarten mit wenig Aufwand pflegen können. Das wäre doch auch mal was für unsere Breiten, oder?

Leider ist Mainz teilweise auch kein Vorbild

Leider ist es gerade hier in Mainz teilweise wirklich schlimm, was die Stadt an “Grünflächen” abliefert. Versteht mich nicht falsch, hier gibt es viele tolle Projekte, die von unserem Grünamt wirklich mit den wenigen Mitteln und Personal, das ihm zur verfügung steht, mit viel Liebe umgesetzt werden. Man darf das nicht verallgemeinern. Aber es fehlt an vielen Stellen einfach mangels Geldern von der Stadt. Ein gutes Beispiel sind die städtischen Pflanzkübel hier bei uns in der Straße bzw. im ganzen Stadtteil… Die werden seit Jahrzehnten nicht mehr von der Stadt gepflegt. Allein in unserer Straße stehen 10 über ein Quadratmeter große Betonkübel und keiner kümmert sich drum.

Seit ich hier wohne versuche ich, mit lieber Unterstützung einiger Nachbarn, wenigstens ein bisschen für Grün und Blüten in den Kübeln zu sorgen. Letztes Jahr übernahm ich eine Patenschaft und konnte mir dank der netten Unterstützung vom Mainzer Grünamt ein paar Pflanzen für die Kübel holen – aber wie schon oben erwähnt, sind deren Mittel begrenzt. Also werde ich weiter Stauden in meinem Garten teilen und die Kästen Stück für Stück neu bepflanzen.

Städtische Betonkübel in unserer Straße – letztes Jahr habe ich eine Patenschaft für die Kästen übernommen und kümmere mich seitdem so gut es geht um die Bepflanzung.

Schlechtes Beispiel Rheinufer

Ein Dorn im Auge ist mir seit Jahren auch unser Rheinufer. Das wurde irgendwann teuer und hochmodern neu angelegt. Tja, was soll man dazu sagen… riesige eingefasste Flächen die einfach mit Rasen, bzw. mittlerweile alles was da so an Unkraut rauskommt, bepflanzt wurden. Die sehen nicht nur furchtbar aus, die bringen auch nicht viel außer Liegefläche und die komplett ohne Schatten. Im Sommer sind die Flächen nicht mal mehr grün. Der gleiche Mist wird tatsächlich nun auch am Zollhafen (Nordmole) geplant. Man kann nur hoffen, dass hier mehr entsteht als nur ein großer Rasen!!!

Das neu angelegte Wohngebiet am Zollhafen – da fehlen mir wirklich die Worte! Zack zugepflastert bist zur Rheinkante hin. Warum??? Gerade hier in dieser Betonwüste hätte man doch ein Zeichen mit blühenden Beeten und großen Bäumen setzen können. Hier dazu ein guter Artikel von Mainz&. Der Klimawandel scheint jedenfalls bei uns hier in Mainz noch nicht angekommen zu sein. Das Verständnis, dass eben auch im Kleinen was erreicht werden kann, ist einfach nicht da. Statt mit gutem Beispiel voran zu gehen und zu zeigen, dass man solche Flächen eben sehr wohl schön grün gestalten kann, lebt die Stadt dem Häusle-Besitzer vor, wie es nicht geht! Wie würde der gute Sven Hieronymus jetzt sagen? Weine könnt ich… weine!

Ich seh grün hilft!

Nun höre ich schon wieder die Rufe: Ja, die hat ja gut reden. Oder wieder Mainzer sagen würde “Maul uffreiße un nix mache” – ich mach aber. Ich werde in den nächsten Tagen hier einen Artikel mit Bepflanzungsvorschlägen für verschiedene Standortbegebenheiten posten. Da kann sich jeder Anregungen holen. Außerdem biete ich auch an, mir zu schreiben und einfach zu fragen.

Ich bin weder Gartenbauexpertin noch gelernte Gärtnerin. Ich habe auch mal bei null angefangen. Aber mit wachsendem Interesse konnte ich mich weiterbilden und gebe dieses Wissen auch gerne weiter. Ich bin auch nicht unfehlbar und ich gebe zu, auch bei uns könnte es noch weniger Pflaster geben. Aber ich mache aus dem was da ist, das beste! Wer mag, kann sich auch gerne auf meinem Instagram Account umschauen – da sind auch viele Pflanzideen drauf.

Pflanztipps für trockene sonnige Vorgärten

Pflanztipps für den Vorgarten im Schatten

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10 comments

  1. Ich finde es auch furchtbar. Hier kannibalische nachlesen, woran es in Bonn trotz Bebauungsplänen etc. scheitert: Die Stadt hat kein Geld für Personen, die die Einhaltung der Vorschriften kontrollieren ( https://www.general-anzeiger-bonn.de/bonn/hardtberg/bonn-stadt-kann-schottergaerten-nicht-flaechendeckend-kontrollieren_aid-48127767 ).
    In unserer Häuserreihe gibts nur Rasen in den Vorgärten, zwar besser als zugepflastert, aber ich beginne auch gerade peu a peu das mit Sträuchern und Stauden zu ändern (wir wohnen erst seit letztem Sommer hier).
    Bin schon gespannt auf deine Tips!
    Viele Grüße

    1. Hallo Christina,

      das ist bei uns leider genauso. Das Geld fehlt. Unser Grünamt ist wirklich toll. Die haben super Ideen und kümmern sich wirklich mit ganz viel Herzblut. Aber da fehlt es hinten und vorn an Geld und Personal.

      Liebe Grüße,

      Sonja

  2. Liebe Sonja,

    danke für diesen Post! Es ist wirklich so traurig – wo man hinschaut nur Steine oder Pflaster. Ich verstehe da auch die Gemeinden nicht…man kann doch auch Bepflanzungsvorgaben machen – Bauvorgaben gibt´s doch auch…Wie oft musste ich schön hören: der Baum/Strauch kommt weg, der macht zuviel Dreck – Leute, geht´s noch ? Toll, dass du dich um die Pflanzkübel kümmerst. Das haben wir hier in unserem kleinen Städtchen auch – die Anlieger in einigen Straßen kümmern sich um verunkrautete Baumscheiben und bepflanzen sie 🙂 Ohne Natur werden wir nicht überleben – das ist bei einigen Artgenossen noch nicht angekommen!
    Freue mich auf deine Pflanzvorschläge 🙂

    Liebe Grüße
    Susanne

    1. Hallo Brigitte,

      danke für Dein Feedback. Die Artikel kenne ich auch. Ich bestelle alle meine Stauden bei Gaissmayer 😉 Ich setz mich jetzt dran und schreibe noch einen Artikel mit Pflanzempfehlungen…

      Liebe Grüße nach Frankfurt!

      Sonja

  3. Super wie Du Dich kümmerst.
    Du musst nicht erst in einer Stadt herumschauen. Hier auf dem Land werden auch ganze Gärten mit Steinen belegt. Im Höchstfall noch eine Konifere rein. Fertig.
    Es tut mir jedes mal in der Seele weh, wenn ich das sehe.
    Wenn Du jemanden darauf ansprichst, sagt die Person oft. Ich habe keinen grünen Daumen und keine Zeit.
    In Wahrheit haben sie keine Lust auf Grün. Sie möchten auch keine Insekten in der Nähe haben und keine herabfallenden Blätter und keine ….
    Es ist schlimm wie sich die Ortsbilder so rasendschnell in Steinwüsten verändern. Hoffen wir, dass es immer noch genug Menschen gibt, die bunte Blütenoasen lieben.
    Grüess Pascale

    1. Hallo Pascale,

      ich finde es einfach furchtbar. Ich hoffe, dass sich hier irgendwann mal jemand mit dem Thema Micro-Klima beschäftigt. Das ist nämlich nicht zu verachten und Micro macht in der Summe eben auch irgendwann Macro!

      Liebe Grüße,

      Sonja

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